Weltweit tragen rund 140 Millionen Menschen Kontaktlinsen. In Österreich und Deutschland gehören sie zum Alltag von Millionen Brillenträgern, die auf das Gestell verzichten möchten. Doch mit der Verbreitung wächst auch die Zahl der Komplikationen. Augenärzte berichten, dass ein erheblicher Teil ihrer Notfallsprechstunden auf Infektionen und Reizungen zurückgeht, die durch vermeidbare Hygienefehler entstehen. Die häufigsten davon sind keine Einzelfälle, sondern wiederkehrende Muster.
Der unterschätzte Linsenbehälter
Der Aufbewahrungsbehälter für Kontaktlinsen wird regelmäßig vergessen. Viele Träger spülen ihn kurz mit Leitungswasser aus und lassen ihn dann mit dem Deckel geschlossen stehen. Beides ist problematisch. Leitungswasser enthält Acanthamoeba, einzellige Parasiten, die bei Kontaktlinsenträgern eine schwere Hornhautentzündung auslösen können. Diese Acanthamoeba-Keratitis ist selten, aber für Betroffene oft monatelang behandlungsbedürftig und kann zu dauerhaftem Sehverlust führen.
Zusätzlich bildet sich in feucht verschlossenen Behältern ein Biofilm, in dem sich Bakterien wie Pseudomonas aeruginosa ansiedeln. Studien zeigen, dass über 80 Prozent der untersuchten Linsenbehälter mikrobiell kontaminiert sind, wenn sie länger als einen Monat in Gebrauch sind. Augenärzte empfehlen, den Behälter nach jeder Nutzung mit Pflegemittel, nicht mit Wasser, auszuspülen, offen an der Luft trocknen zu lassen und alle vier Wochen zu ersetzen.
Linsen länger tragen als erlaubt
Tageslinsen werden abends abgenommen und weggeworfen. Monatslinsen werden nach 30 Tagen ausgetauscht. So weit die Theorie. In der Praxis tragen viele Nutzer Tageslinsen mehrfach oder dehnen Monatslinsen auf sechs Wochen und länger aus. Die Materialermüdung erhöht dabei die Ablagerungen auf der Linse. Proteine aus dem Tränenfilm setzen sich fest, die Sauerstoffdurchlässigkeit sinkt, die Hornhaut reagiert mit Rötung und Reizgefühl.
Besonders riskant ist das Schlafen mit Kontaktlinsen. Wer seine Linsen auch nachts trägt, erhöht das Risiko einer bakteriellen Keratitis laut Forschungsdaten um das Sechsfache gegenüber dem ausschließlichen Tageseinsatz. Die Hornhaut ist im Schlaf schlechter mit Sauerstoff versorgt, Keime können sich ungestört vermehren. Selbst sogenannte Extended-Wear-Linsen, die für das Schlafen zugelassen sind, erfordern eine regelmäßige Augenkontrolle.
Pflegemittel falsch einsetzen
Ein weiterer häufiger Fehler betrifft den Umgang mit Pflegelösungen. Viele Träger füllen die gebrauchte Lösung im Behälter nur auf, anstatt sie vollständig zu wechseln. Das verdünnt die Desinfektionswirkung erheblich. Anderen unterläuft der Fehler, die Einwirkzeit zu verkürzen: Mehrkomponenten-Lösungen mit Wasserstoffperoxid neutralisieren sich in einem Reaktionsprozess über mehrere Stunden. Wer die Linse nach zwei statt nach sechs Stunden entnimmt, setzt sich unverdünntem Peroxid aus, was zu Brennen und Gewebereizung führt.
Wer verstehen möchte, was beim Reinigungsprozess chemisch passiert und welche Pflegeschritte sich bewährt haben, findet auf Ratgeberseiten wie Kontaktlinsen richtig reinigen strukturierte Übersichten zu den einzelnen Schritten. Grundlage bleibt jedoch immer der Beipackzettel des jeweiligen Produkts und die Empfehlung des Augenarztes, da verschiedene Linsenmaterialien unterschiedliche Pflegeprodukte erfordern.
Hände waschen: einfach, aber oft vergessen
Die am meisten unterschätzte Maßnahme ist die gründliche Handhygiene vor dem Umgang mit Linsen. Laut einer britischen Studie der Aston University waschen nur rund 30 Prozent der befragten Kontaktlinsenträger ihre Hände vor dem Einsetzen der Linsen mit Seife und trocknen sie mit einem fusselfreien Tuch. Die übrigen nutzen entweder nur Wasser oder verzichten ganz darauf.
Das Robert Koch-Institut weist in seinen Empfehlungen zur Infektionsprävention ausdrücklich auf die Handhygiene als einfachste und wirksamste Maßnahme zur Keimreduktion hin. Für Kontaktlinsenträger gilt das in besonderem Maß, da die Linse direkt auf der Hornhaut aufliegt und Keime von der Fingerkuppe in Sekunden übertragen werden können.
Wann zum Arzt, wann sofort?
Viele Träger schieben Symptome zu lange auf. Rötung, Brennen und ein Fremdkörpergefühl werden als normale Überreizung gedeutet. Das ist manchmal richtig, kann aber gefährlich sein. Folgende Warnsignale erfordern eine ärztliche Untersuchung noch am selben Tag:
- Starke Lichtempfindlichkeit, die plötzlich auftritt
- Sehverschlechterung oder verschwommenes Sehen, das nach Abnahme der Linse bleibt
- Sekret oder Eiter im Auge
- Schmerzen, die sich bei abgenommener Linse nicht bessern
- Sichtbare Trübung oder Verfärbung der Hornhaut
Bakterielle Hornhautinfektionen entwickeln sich binnen Stunden. Je früher eine Behandlung mit antibiotischen Augentropfen beginnt, desto geringer ist das Risiko dauerhafter Schäden. Wer bei Symptomen abwartet, riskiert Narbenbildung auf der Hornhaut.
Kontaktlinsen und Schwimmbad: ein unterschätztes Risiko
Schwimmen mit Kontaktlinsen ist in öffentlichen Bädern und im Freiwasser aus hygienischer Sicht problematisch. Chlor schützt nicht vor allen Keimen. Acanthamoeba und Pseudomonas überleben selbst in gechlorten Becken. Die Linse wirkt wie ein Sammler für Mikroorganismen, die dann über Stunden direkten Kontakt zur Hornhaut haben.
Wer beim Sport auf Linsen nicht verzichten möchte, sollte Einwegtageslinsen verwenden, die nach dem Baden sofort entsorgt werden, und die Augen anschließend mit Kochsalzlösung spülen. Schutzbrillen beim Schwimmen reduzieren das Risiko zusätzlich. Informationen zu zugelassenen Medizinprodukten im Bereich Augenoptik und Kontaktlinsen stellt in Österreich das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) bereit, das unter anderem für die Überwachung von Medizinprodukten und deren Konformität zuständig ist.
Regelmäßige Kontrolle ist kein Luxus
Augenärzte empfehlen für Kontaktlinsenträger eine Kontrolluntersuchung mindestens einmal jährlich. Dabei werden Hornhaut, Bindehaut und der Sitz der Linse beurteilt. Viele Träger verschieben diese Termine oder gehen erst bei akuten Beschwerden. Das ist ein Fehler: Frühe Veränderungen der Hornhaut, etwa durch Sauerstoffmangel entstehende Gefäßeinsprossungen, sind ohne Symptome messbar und bei rechtzeitiger Intervention vollständig reversibel.
Hintergrundinformationen zur Anatomie und zu Erkrankungen des menschlichen Auges bietet der entsprechende Wikipedia-Artikel zum Auge als allgemeinen Einstieg. Die medizinische Beurteilung im Einzelfall ersetzt das nicht, aber das Grundverständnis hilft, die Empfehlungen des Arztes besser einzuordnen.
Kontaktlinsen sind ein sicheres und bewährtes Hilfsmittel, wenn der Umgang mit ihnen konsequent und informiert erfolgt. Die meisten schwerwiegenden Komplikationen entstehen nicht durch Pech, sondern durch vermeidbare Routinefehler, die sich über Monate einschleichen.


